(047) Direkt die Großpraxis gründen: Dr. Miroslav Gleiche-Yonchev über Mut, Widrigkeiten und Weiterentwicklung

Shownotes

Überschaubar starten und dann langsam wachsen? Kam für Dr. Miroslav Gleiche-Yonchev nicht infrage. Mit 13 Behandlungszimmern auf 700 Quadratmetern ging die novacura ZMVZ GmbH in 2018 nach gut zweijähriger Planungsphase in Münster an den Start.

Das KlapdorKollegen-Team hat das ambitionierte Gründungsprojekt in der Planungs- und Startphase eng begleitet. Im Gespräch mit Maike Klapdor teilt Miro seine vielfältigen Erfahrungen, existenziellen Herausforderungen und steilen Lernkurven der vergangenen acht Jahre: Ein spannendes Spektrum von Mut, Risiko, Erfolg – und dem Reifeprozess als Führungspersönlichkeit.


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Transkript anzeigen

00:00:07: Herzlich willkommen bei Dental Spirits, dem Podcast für alle, die sich für gesundes Praxiswachstum interessieren.

00:00:13: Dieser Podcast bietet dir Inspiration und ganz konkrete Tipps für die komplexen Herausforderungen der wachsenden Zahnarztpraxis.

00:00:21: Ich bin Maike Klapdor und heute, ja, könnte meine Freude nicht größer sein: Ich habe zu Gast, Dr. Miroslav Gleiche-Yonchev,

00:00:30: lieber Miro, herzlich willkommen! Vielen Dank für die Einladung! Ja du bist Zahnarzt, Mitinhaber und alleiniger Geschäftsführer der Novacura ZMVZ GmbH in Münster.

00:00:42: Und wir haben eine ganz wunderbare gemeinsame Vergangenheit, ich habe nachgeguckt,

00:00:46: wir haben uns kennengelernt im Februar 2016 rund zehneinhalb Jahre ist es her und genau hier

00:00:52: in diesem Besprechungszimmer, in dem wir jetzt auch sitzen, um den Podcast aufzunehmen ...

00:00:59: Ja, wir sind uns in der ganzen Zeit natürlich nicht verloren gegangen, sonst würdest du ja auch nicht unser Gast sein,

00:01:03: jedenfalls, das war spannend damals. Du bist gekommen zusammen mit einem Partner damals und du wolltest eine Großpraxis gründen.

00:01:12: Spoiler: Ist dir gelungen! Da kommen wir gleich nochmal hin. Jedenfalls, dort in Münster wo ja jeder sagt ... hast du Münster eigentlich studiert?

00:01:21: Ich habe in Münstern studiert, ja. Also dann der Studienstadt Münster, wo damals jeder sagte, "Der Standort ist dicht.",

00:01:28: also sowieso schon, dieses Zahnarzt-Einwohner-Verhältnis, das man immer so rechnet ...

00:01:34: So, und das war euch egal damals?! So haben wir es wahrgenommen. Und dann habe ich noch dieses "Nicht kleckern sondern Klotzen" in Erinnerung, das war auch so ein Motto, du nickst.

00:01:43: Das ist immer noch das Motto. Ja, es sind geworden 13 Zimmer auf 700 Quadratmetern, was für damals, vor zehn Jahren, schon eine Ansage war.

00:01:54: Das war absolut ungewöhnlich. Ihr wart dann die größte Praxis auch in Münster. Also absolut ungewöhnliches Projekt, du damals 29 Jahre, frisch verheiratet.

00:02:04: Warum wolltest du unbedingt diese Praxis? Ich wollte mich unbedingt selbstständig machen, nachdem ich gesehen habe, dass die ...

00:02:12: Ich wollte mich weiterentwickeln und ich habe in kleineren Praxen gearbeitet, bis, ja, 2016, und dann habe ich bewusst die Entscheidung

00:02:19: getroffen, mich bei einer großen Praxis in Düsseldorf zu bewerben und habe gesagt, ich will eigentlich keine kleine Praxis.

00:02:26: Das war die Idee, dass man mit einigen Mitarbeitern, mit einigen Kollegen arbeitet und guckt, dass man dieses interdisziplinäre

00:02:34: Miteinander und den Austausch tagtäglich genießt, weil das ist für mich ein Genuss, definitiv ein Genuß und keine Last.

00:02:42: Die Praxis damals hatte 20 Zahnärzte und 100 Mitarbeiter und das war für mich so: BAM!

00:02:48: Das ist meins! Die, wo du Angestellter warst? Ich war angestellt da, ja. Und das war so das,

00:02:53: wo du dachtest, klein kann irgendwie jeder und ich will groß oder... was war das?

00:02:58: Ja, das war, wo ich gedacht habe, da sehe ich mich. Aber da sehe ich auch diese Struktur, dieses Miteinander, den Teamgeist, die Weiterentwicklung ...

00:03:07: Ich wurde da ganz anders behandelt. Also ich wurde sofort nach vorne gepusht: "Du hast Fähigkeiten, komm, möchtest du dich weiter entwickeln?!

00:03:13: Hab keine Angst, mach's!" Und das war auch so mein Traum. Zu sagen: So möchte ich auch arbeiten!

00:03:19: Ich hab auch nach kleineren Praxis früher in Münster geguckt und das war nichts, was mich richtig angelächelt hat.

00:03:24: Denkmalgeschützt, im dritten OG, ja, Prinzipalmarkt ... und 40 Jahre alt.

00:03:31: Also, da konnte ich nix damit anfangen.

00:03:35: Und deswegen kam die Idee und das war sehr ungewöhnlich, aber ich muss sagen, das war die einzig richtige Entscheidung.

00:03:42: Ja, der Erfolg gibt dir ja auch recht. Wie gesagt, zu den Details kommen wir gleich noch.

00:03:47: Zunächst mal, was hat dich so sicher gemacht, dass ihr die Praxis tatsächlich unter Feuer kriegt, also das die Auslastung auch organisiert werden kann?

00:03:55: Also das ist ja keine Über-Nacht-Idee gewesen.

00:03:59: Wir beide, damals auch mit deinem Team haben, da jahrelang daran gearbeitet Und wir haben uns auch, sag ich mal, gut vorbereitet und geguckt,

00:04:07: was können wir und wie können wir das machen? Welche USPs haben wir? Und ich weiß, damals eine Frage der Bank,

00:04:13: die haben gefragt, "Warum sollen wir euch finanzieren?" Ja, genau! Ich habe gesagt, "Ja ich arbeite einfach länger als alle anderen, weil damals gab es keine Praxis in Münster,

00:04:22: die jeden Tag bis 20 Uhr auf hatte und wir waren die erste Praxis, die auch samstags eine Sprechstunde angeboten hat.

00:04:28: Klammer auf: auf ich hab's jetzt mal weggenommen, das hat aber andere, organisatorische Gründe. Und ich wusste, dass das funktionieren wird.

00:04:34: Weil das hat auch anderswo funktioniert. Also ich habe das Rad nicht neu erfunden, ich hab nur diesen Gedanken an einen neuen Ort reingepflanzt,

00:04:42: der damals komplett ... Ja, wir waren die ersten. So. Und das Risiko war aber größer natürlich.

00:04:49: Ja, auf jeden Fall! Ich meine, du erinnerst dich an die sportlichen Kreditgrößen, die wir damals konzipiert, platziert haben und so weiter... und das war ja schon nichts für Angsthasen.

00:04:58: Also ich habe es mir gesagt damals, ich mach's jetzt ... und wenn ich es aber mache, da komme ich zu dem Spruch "nicht kleckern, klotzen" ... Man muss auch das anders denken.

00:05:07: Es ist ein Unternehmen, das entstanden ist. Der Name "Novacura": Das war auch eine Idee von unserer damaligen Marketingagentur.

00:05:16: Das ist eine Neugeburt. Wir wussten gar nicht, wie wir uns nennen. Wir wussten, wir brauchen ein Branding, wir brauchen eine Kultur, die da implementiert wird – auch Logo, Name ...

00:05:27: Und das muss man unterstützen! Wie bei einem kleinen Kind, das musst du ab Tag eins hundertprozentig unterstützen, damit es ein vernünftiges Wachstum erfahren

00:05:35: kann. Ja, wir hatten ja eure Praxis dann als Großpraxis konzipiert. Wir haben ja nie eine Existenzgründung gemacht.

00:05:41: Wir sind Wachstumsberater und es ist wirklich die einzige Existenzgründung, die ich in meinem Leben gemacht habe – hat uns alle ordentlich gefordert, aber hat ja geklappt.

00:05:49: Aber auch, ja, weißt du ja auch so... Danach habe ich entschieden, nie wieder eine Existenzgründung. Also Wachstumsprojekte immer gerne,

00:05:56: aber Existenzgründung als Großpraxis hat schon seine Herausforderungen.

00:06:01: Insofern, mit dem ersten Tag der Eröffnung 15 Leute am Start.

00:06:06: Inzwischen wart ihr mal 55, jetzt aktuell sagtest du mir eben geschrumpft, auch systematisch geschrumpft...

00:06:14: Welche Phase so auf dem Wachstumsweg hat dich besonders gefordert? Fast jede, weil diese Dynamik war die ganze Zeit da.

00:06:21: Also es war ganz klar, wir müssen von diesen 15 Menschen, wir müssen die Praxis auffüllen, aufbauen

00:06:27: und dann hat man auch gemerkt, ein schnelles Wachstum bringt auch Wachstumsschmerzen mit sich.

00:06:33: Wir hatten auch andere Herausforderungen. Die hatte ja zum Teil eigentlich jede Praxis in Deutschland, die Corona-Phase und da musste man sich auch von Mitarbeitern trennen, über Nacht.

00:06:43: Das war sehr schmerzhaft für mich, weil die Leute haben sich nichts zu Schulden kommen lassen – und danach musste man wieder wachsen.

00:06:51: Man merkt aber auch mit der Zeit, wenn man die ganze Praxis voll hat,

00:06:55: welche Leute interessieren sich für so ein Projekt, für so ein Unternehmen, und können sich vorstellen,

00:07:00: nicht nur in Worten, sondern auch in Taten, ein Teil der Unternehmenskulturstruktur zu sein?

00:07:06: Und welche sagen, ich sehe da den Profit einfach und die Vorteile der großen Praxis.

00:07:13: Und ich nutze das so ein bisschen in meinem Sinne aus. Ja, jetzt mal so du persönlich!

00:07:17: Du hattest doch sicherlich auch mal so Phasen, wo du wirklich schlecht geschlafen hast möglicherweise, oder? Ja

00:07:23: Ja, definitiv! Kannst du das so verorten, was da so richtig Kraft gefordert hat?

00:07:29: Die eine Phase war vor der Öffnung. Weil das war ein komplett weißes Blatt Papier und wir wussten nicht mal, erstens: ruft überhaupt jemand an?

00:07:39: Das kurz ... sogar davor: Also wir haben mit der Bewerbungsphase im März, April angefangen.

00:07:48: Wir wussten gar nicht überhaupt, ob jemand anruft, und wir wussten aber, die Eröffnung steht fest.

00:07:54: Das Marketing steht fest. Wollte ich gerade sagen, die Website war ja schon entsprechend vorgetaktet worden, das ganze SEO war hochgefahren worden.

00:08:00: Das war ja alles hochprofessionell aufgebaut worden. Alles. Aber wir haben nobody gehabt, also wir haben keine Mitarbeiter gehabt damals.

00:08:06: Und das waren so die ersten... so da ruft jemand an, dann kommt jemand ... und das war so eine Phase, da habe ich sehr unruhig geschlafen.

00:08:12: Da hat Jovita die Telefonate entgegengenommen. Ja, Jovita, die hat das ganze Recruiting gemacht, wir hatten ja glaube ich 100 Bewerbungen hier organisiert

00:08:19: und, weißt du noch, hier in diesem Zimmer waren auch jede Menge Bewerbungsgespräche, also das war ja so ...

00:08:23: Ja, die erste Interviews ... Das nur nebenbei ... Okay, also diese Phase vor der Eröffnung. Was war es noch, wo du mal unruhig geschlafen hast?

00:08:31: Mich interessieren so die zwei, drei, ja ... Die Corona-Zeit. Also, die Corona-Zeit war die Zeit wo, ... Da ging es gerade bergauf mit der Praxis, auch was das Zahlenwerk anbelangt.

00:08:42: Und das war der 13. März 2020, und das war wie ein Kanonenschuss gegen meinen Kopf.

00:08:50: Das war nicht die kleine Pistole, das war die große Kanone, weil, wir waren schon vorangekommen mit Ressourcen und gerade eben im Fluss.

00:09:01: Und dann gab's ein Gesetz und wir durften nicht so richtig weiterarbeiten, wie wir konnten.

00:09:07: Das war hammerhart! Ich erinnere mich, wir waren ja auch eng dabei, das war schon schwierig.

00:09:11: Also, Tinnitus links und rechts in den Ohren hat mich durch die ganze Nacht begleitet ... und ich bin froh, dass wir auch da den Weg gefunden haben,

00:09:20: wo wir, auch mit allen Partnern, auch mit dir auch, mit deiner Firma, einen sehr guten Weg gefunden haben, wie wir diese Zeit überstehen können.

00:09:29: Und da haben wir noch mal Gas gegeben. Also wir haben weder die Werbung runtergefahren, sondern da haben wir mal, wo die ersten Entspannungsphase kam, nochmal Gas gegeben. Und das hat uns positiv beeinflusst für

00:09:39: die Zukunft. Ja, das geht genau gerade hin in die gefährlichste Phase bei der Etablierung einer Großpraxis, also genau da wo Geld

00:09:46: verdient wird, und man rennt natürlich als Großpraxis-Gründung erst einmal lange überhaupt den schwarzen Zahlen hinterher...

00:09:53: Es gibt einen sehr langen Zeitraum, wo rote Zahlen geschrieben werden, ne? Das stimmt!

00:09:58: Und dann jetzt genau in dem Zeitpunkt, ja ich hatte es auch irgendwie schon verdrängt, glaube ich gerade, da war's dann so ...

00:10:03: Ich nicht! Da kamen die schwarzen Zahlen und zack, wurde abgeschlossen. Das war richtig böse.

00:10:11: Und, ja, wer von euch, die uns zuhören, so eine Großgründung vielleicht hinter sich hat oder geplant hat:

00:10:15: Also das ist diese kritische Phase rund um anderthalb, zwei Jahre und dann geht die Großgründung

00:10:20: in ihre schwarzen Zahlen und muss da auch reinkommen, damit nicht weiter Minus produziert wird.

00:10:26: Und das ist auf jeden Fall so ein Punkt, der, ja: die Achillesferse im Großpraxiswachstum.

00:10:32: Du nickst? Definitiv! Okay, wir werden mal wieder so ein bisschen entspannter.

00:10:37: Du bist jetzt Geschäftsführer, auch alleiniger, von den vielen Menschen, auch schon sehr lange?

00:10:42: Von den ganzen Tätigkeiten, die man so hat als Geschäftsführer eines großen MVZ, was macht dir am meisten Spaß, was strengt dich am meisten an?

00:10:51: Also am meisten Spaß macht mir, die Leute weiterzuentwickeln. Also mit den Leuten Prozesse zu entwickeln oder sie zu ermutigen, weiterzuwachsen. Denen Projekte anzuvertrauen,

00:11:01: wo ich sage: Du machst das jetzt. Du machst jetzt die Fortbildung, du verstehst wie die Struktur hier funktioniert und du hilfst mir dabei, diese Strukturen zu etablieren.

00:11:11: Oder: Wir etablieren ein neues Implantat-System. Und ich hole nicht nur die Oral-Chirurgen, sondern alle, und sage: jetzt machen wir das mal alle zusammen.

00:11:19: Das macht mir am meisten Spaß. Weil die intrinsische Motivation, das greift nicht immer.

00:11:23: Manche sagen, das war doch nichts für mich. Die ist wahnsinnig groß. Und wenn die Leute nicht nur für das Unternehmen, sondern auch am Unternehmen arbeiten,

00:11:31: das ist richtig schön zu sehen! Und das ist eine Dankbarkeit da, die kommen danach auf mich zu und sagen, ja, das war cool,

00:11:38: wie können wir jetzt das und das machen? Und das ist ein Prozess. Und das braucht Monate, Jahre sogar.

00:11:43: Ja, also du bist da schon jetzt über die Zeit zu so einem wirklich hochprofessionellen Potenzialentfalter geworden, ja?

00:11:49: Ja, also ich würde sagen, also meine größte Stärke in der Praxis einfach sind die Menschenkenntnisse und die Menschen weiterzuentwickeln,

00:11:57: zu coachen, zu motivieren... Ich habe auch sehr viele schwierige Momente erlebt, auch private Momente von Mitarbeitern, wo man nicht

00:12:05: eben jetzt die Antwort hat, und vielleicht mal mehrere Monate Pause nehmen muss und machen muss, damit diese Situation überwunden wird.

00:12:14: Und die Beständigkeit der Mitarbeiter, die jetzt bei mir sind, und die Art und Weise wie sie

00:12:19: zueinander sind, miteinander, das gibt mir Hoffnung, dass ich das alles richtig gemacht habe.

00:12:24: Menschlich! Ja, und auch eine Kündigung schon mal wirklich erfolgreich drehen zu können und solche Dinge...

00:12:31: Das ist mir mehrfach gelungen. Es gab bei einer heißen Phase, da musste ich das ein paar Mal machen und sagen, lass uns mal drüber sprechen,

00:12:37: ich verstehe die Thematik, ich verstehe die Bedürfnisse, aber auch zu sagen okay, das passt jetzt nicht und du musst jetzt gehen.

00:12:45: Und ich erkläre das auch. Und das ist nicht bös gemeint. Das ist nie schön.

00:12:49: Aber ich sage, jeder bekommt bei mir eine Chance, eine faire Chance.

00:12:54: Als Mensch an erster Stelle, dann als Mitarbeiter und danach als Fachkraft – sich weiterzuentwickeln.

00:13:00: Und wenn wir merken, dass es einmal nicht funktioniert, kann man's vielleicht ein zweites Mal versuchen.

00:13:05: Wenn wir dann aber denken, dass es aber nicht klappt, dann macht es keinen Sinn, dass man die Zeit miteinander vergeudet.

00:13:09: Ja. Was strengt dich am meisten an? Was mich am meisten anstrengt ... Wenn du so mal

00:13:13: die Woche Revue passieren lässt, so eine ganz übliche Woche, vielleicht auch deine Meetings oder den normalen Tag?

00:13:18: Oder was ist da, was so richtig Kräfte zehrt?

00:13:22: Früher war das definitiv so dieses, wo ich denke, ich müsste Recht haben, aber ich bekomme kein Recht – seitens der Mitarbeiter.

00:13:30: Oder so, sagen wir, da fehlt mir die Dankbarkeit. Und man kann nicht als Chef dahin gehen und sagen, nee, ich bin der Chef.

00:13:37: Ich hab recht, ihr habt kein Recht. Das funktioniert nicht. Nee. Das ist grundsätzlich falsch.

00:13:42: Habe ich einfach gemacht Nein, das war nicht gut, kann ich sagen. Ja, willst du Recht haben oder willst du eine Lösung?

00:13:46: Ja, ich habe das, 2018, da habe ich gesagt, "Ich bin der Chef und dann boom!" Das war definitiv ... also, das ist ja ein Eigentor hoch zehn.

00:13:54: Also so als Führungskraft zu reifen... Was mich persönlich angestrengt hat, das war ich selber, weil das war der Reife-Prozess in mir selber.

00:14:05: Und wie wachse ich intern, damit ich diese Menschen alleine führen kann und als Vorbild dienen kann?

00:14:15: Das hat jetzt Jahre gedauert. Also Novacura hat viele Narben abgekriegt, auch durch die Corona-Pandemie und durch die Gründungsphase.

00:14:23: Und da muss man mit klarkommen: Wie gehe ich mit den Zahlen um, auch wenn das Konto auf minus bar 100.000 steht?

00:14:31: Wie gehe ich mir mit vielen Absagen um? Oder wie geh' ich mit Kündigungen um?

00:14:36: Und vor allem, wenn du alleine bist, du wirst immer gefragt. Egal was passiert in der Praxis!

00:14:43: Ich finde mich persönlich deutlich ruhiger. Ich empfinde mich auch nach außen deutlich ruhiger und gelassener, wie vor ein paar Jahren ... Und dieser Reife-Prozess, also das hat mich sehr viel Kraft gekostet.

00:14:55: Ich glaube, dass ist auch die Meinung meiner Frau, weil sie war meine ständige Ansprechpartnerin.

00:15:00: Ach so, sie war schon auch dein ... Das ist aber auch ihre Rückmeldung.

00:15:04: Sie sagt auch, "Du bist aber richtig gelassen geworden." Und die Situationen, die uns vorher die Abende geraubt haben zum Teil ... die teilst du gar nicht richtig mit.

00:15:13: Also die sind da und du findest die Lösung, meistens hast du Recht und wenn du kein Recht hast, ärgerst du dich nicht, sondern versuchst, das Beste daraus zu machen.

00:15:20: Und das hat jetzt mal sieben Jahre, acht Jahre Zeit gekostet. Ja und das war auch die größte Schwierigkeit, weil ich kann jetzt auch sagen für mich... Ich werde immer wieder

00:15:30: reflektiert von Mitarbeitern der ersten Stunde, und die haben mir gesagt, häufiger gesagt sogar: Vor drei, vier Jahren,

00:15:37: "Herr Gleiche, sie sind reingekommen, Sie haben erst mal mit den Colts geschossen und wenn der Rauch weg war, in einer emotionalen Situation, dann haben Sie geguckt wer noch überlebt hat.

00:15:47: So nach dem Motto, jetzt machen wir das so und dann machen wir das so. Und jetzt kann man mit Ihnen

00:15:52: sprechen und ein Ziel ins Auge fassen, ohne dass man Angst hat, dass man irgendwie Sie emotional tangiert."

00:15:58: Das Entschuldigen, die Entschuldigung danach ist eine Sache, aber die andere ist ja, die Leute gedanklich mitzunehmen.

00:16:06: Weil ich habe alles mitgenommen nach Hause! Das macht einen innerlich kaputt und das wollte ich ja nicht so.

00:16:13: Und das ist aber ein Wachstumsprozess. Und auch die Zeit, wo ich alleine war... Da ist man alleine und dann trifft man eine Entscheidung, und sagt man, war es richtig oder falsch?

00:16:21: Ich sehe das erst in einem Monat, in zwei Monaten. Und da bin ich sehr häufig auf die Nase gefallen.

00:16:27: Sehr häufig! Das hat weh getan. Das hat mich Geld gekostet, auch Trennungsgeld von Mitarbeitern, wo man gesagt hat,

00:16:34: das waren doch nicht das richtige. Fortbildungsgeld, das ich reingesteckt habe, wo ich gemerkt habe, so Input zurück ist gar nichts.

00:16:42: Also Lehrgeld – und zahnärztliche Fortbildungen sind sehr teuer. Und ich versuche mittlerweile auch, die Soft Skills zu entwickeln.

00:16:52: Weil die Soft Skills machen ... Das ist der Game-Changer für mich gewesen! Die Soft Skills.

00:16:58: Wir arbeiten miteinander, aneinander – und dann entsteht so eine Stimmung, so einen Grundrauschen in der Praxis, das du gar nicht mit Geld kaufen kannst.

00:17:09: Ja, das führt mich zu meiner Frage: Was muss man persönlich loslassen,

00:17:15: damit aus der Praxis tatsächlich ein funktionierendes Unternehmen werden kann?

00:17:19: Das ging glaube ich gerade schon so ein bisschen in die Richtung? Ja, absolut! Also man muss den Leuten vertrauen.

00:17:25: Man kann nicht mit 20, 30, 40 Mitarbeitern ... also, eine Praxis mit 7 Mitarbeitern funktioniert per Zuruf.

00:17:33: Eine Praxis ab 18, 20 funktioniert nur mit Struktur und Vertrauen.

00:17:40: Und wie ich meinen Mitarbeitern vertraue, sollen sie mir aber auch mehr vertrauen, dass sich mein Wort einhalte.

00:17:47: Das ist bis jetzt glaube ich auch meine goldene Regel, das was ich gesagt habe, so ist es gekommen.

00:17:52: Auch wenn's schmerzhaft zum Teil war, auch wenn's Geld gekostet hat, das hab' ich für mich auch so rausgefunden.

00:17:58: Also, wenn ich mich daran halte und die anderen Personen das dankbar annimmt, auch wenn sie sieht, okay das ist eigentlich nicht

00:18:05: das, was er geben kann, aber er macht's trotzdem, weil er es mir versprochen hat, dann kommt das irgendwann zurück. Vertrauen.

00:18:12: Also hundertprozentig Vertrauen. Ja, 50 Leute wart ihr gewesen? Nee, ihr wart mal 55 in der Spitze, jetzt wieder ein bisschen weniger mehr.

00:18:21: 13 Zimmer an einem Standort. Also nach meiner langen Erfahrung ist es so, 45, 50 Leute, 55 Leute, auch wirklich so auf einem Standort,

00:18:29: und dann so mit dieser Zimmerzahl, die ihr auch habt, hat ja auch Gründe, warum so bei euch konzipiert

00:18:34: war, also das ist nach meiner langen Erfahrung wirklich die Idealgröße für eine Mehrbehandlerpraxis.

00:18:39: Wie empfindest du das? Kann ich zustimmen. Wir sind 55 gewesen vor zwei Jahren und da habe ich mich bewusst entschieden, die Praxis zu verkleinern.

00:18:50: Weil, nochmal zurück zur Frage von gerade eben, was mich angestrengt hat, das war dieses Chaotische.

00:18:57: Ein zu schnelles Wachstum führt zur falschen Struktur und zu nicht etablierten Prozessen, die Fehlern nach sich ziehen.

00:19:06: Und das wiederum ist wie ein Bumerang, der bei mir landet. Und da habe ich mich bewusst entschieden, zu gucken, wer richtig zu mir passt, und wernicht richtig zu dir passt.

00:19:16: Also ich hab jetzt nicht alle gefeuert, bitte nix falsches denken. Einige sind von sich alleine gegangen, haben gemerkt, dass das jetzt nicht der Laden für sie ist.

00:19:25: Von einigen habe ich mich bewusst getrennt und ich habe versucht, die Qualität bei den

00:19:31: restlichen zu erhöhen, die Wertigkeit und die Geschwindigkeit der Behandlungen zu erhöhen.

00:19:37: Und ich kann sagen, wir machen jetzt mit, ja, 15 Leuten weniger, 40 Prozent mehr Umsatz als vor, ja,

00:19:47: 18 Monaten. War das so ein Häutungsprozess,

00:19:51: du hast jetzt gerade die wirtschaftliche Komponente ausgeführt, der auch so die Kultur der Praxis noch mal verdichtet und in die Klarheit gebracht hat?

00:19:58: Ja, definitiv. Also ich hatte mehr Zeit, mit den wichtigen Leuten zu arbeiten, als überall ...

00:20:07: irgendwie hier ein kleines Feuer löschen, da ein kleines Feuer ... da konnte ich mal aufbauen.

00:20:11: Wie viele Zahnärzte seid ihr jetzt noch? Momentan sieben! Und wie viel Menschen in der Prophylaxe?

00:20:16: Muss ich mal kurz nachdenken, ich glaube, vier. Ach, vier? Vier! Das ist wenig, he? Ja.

00:20:21: Und ihr arbeitet auch mit zwei Eingriffsräumen, glaub' ich? Also viel ... Genau. Ja, kommen wir gleich nochmal zu. Ja, was mich die ganze Zeit beeindruckt hat, damals schon:

00:20:30: Du kommst rein und hast ja sofort dieses Strahlen im Gesicht, das du heute auch noch hast.

00:20:34: Und wirklich diese ... Ja, du bist ein Energiebündel, lachst viel, hast diese extrem positive Ausstrahlung,

00:20:42: auch der unerschütterliche Optimismus... Woher kommt das? Ist dir das in die Wiege gelegt worden?

00:20:48: Gar nicht! Das Gegenteil. Also, ich komme gebürtig aus Bulgarien und meine Eltern haben mich eher so erzogen, sei leise, sei ruhig, sei brav, ja.

00:20:57: Lerne fleißig. Und damals war der Spruch, so Anfang der Neunziger: Lerne, damit du nicht arbeitest.

00:21:05: Ja, ich habe viel gelernt und ich arbeite 60 Stunden die Woche. Also, das stimmt so nicht ...

00:21:09: Nein! Ja, und nein, weil meine Arbeit ist ja... Ich gehe und ich genieße das, was ich jeden Tag mache, sonst würde das kein Mensch richtig aushalten,

00:21:20: wenn man diese Zeit nicht mit Vergnügen verbringt. Und das habe ich auch hier gelernt, weil ... man muss sich behaupten.

00:21:27: Man muss für sich geradestehen und einstehen. Und dafür braucht man, man muss an sich glauben!

00:21:35: Wenn ich nicht an mich glaube, wer soll an mich glauben? Wo hast du dir das dann drauf geschafft?

00:21:40: Also jetzt, das Elternhaus war es ja jetzt nicht. Wo, wo hast du dieses so für dich entwickeln können?

00:21:45: Mit der Zeit. Mit der Zeit. Ich wollte mich auch nie selbstständig machen. Also ich weiß nicht, ob ich das überhaupt je erzählt habe.

00:21:50: Ich wollte mich, nie selbstständig machen! Ich wollte immer der Angestellte bleiben. Ich hab früher in Marburg gelebt, im Hessischen Hinterland und dachte so,

00:21:57: ja, ich bleibe für immer angestellt... Und man hat aber weitere Kenntnisse erworben, Stück für Stück.

00:22:03: Man hat gemerkt, okay, die anderen kochen auch nur mit Wasser und man wird selbstsicherer.

00:22:08: Und also der Knackpunkt so, wo ich mich als Mensch ... und wie ich mit Menschen, mit Mitarbeitern umgehe...

00:22:16: Das war glaube ich in meiner Zeit in Düsseldorf. Weil da wurde... Ich habe so einen Vertrauensvorschuss bekommen.

00:22:21: In der Großpraxis, jetzt? Absolut! Ich konnte Teams leiten, ich konnte Struktur, Organisationen ... "Mach! Kümmer dich!" Und von den Sachen haben viele geklappt.

00:22:31: Da war ich ja schon entschlossen, dass ich mich selbstständig machen möchte und das war nochmal dieses I-Tüpfelchen ...

00:22:36: Da kann man Klammer auf machen: Ich hab meinen ehemaligen Chef auch jetzt am Wochenende in Düsseldorf bei

00:22:42: einer sehr spannenden Fortbildung für Knochenersatz gesehen, also ganz liebe Grüße an Philipp, wenn er zuhört:

00:22:48: Toller Chef, tolle Zeit! Also da kann ich nur dankbar dafür sein. Ja...

00:22:52: So, dann habt ihr eröffnet im Sommer 2018, nach gut zwei Jahren Vorbereitungszeit.

00:22:58: Du erinnerst dich? Das war schon interessant hier, aber... Zwei Jahre haben wir drüber nachgedacht... Fast jeden Mittwoch hier die Köpfe zusammengesteckt,

00:23:03: Dauertermin mit Novacura. So, und dann Anfang 2021, also wirklich zweieinhalb Jahre später, mehrheitlicher Verkauf an Colosseum Dental –

00:23:14: die Jakobs-Investoren. Das ist jetzt fünfeinhalb Jahre her, du bist noch Mitinhaber, rückblickend: alles richtig gemacht?

00:23:22: Definitiv! Das ist soweit, dass ich sagen kann, ich arbeite mit professionellen Leuten,

00:23:28: die lassen mich machen, so wie ich wollte und will, sind aber auch mal mitunterstützend dabei, auch mit Empfehlungen.

00:23:38: Und das nimmt mir momentan auch einiges von der Arbeit ab. Manche Prozesse dauern länger, als wenn ich selber entscheiden würde,

00:23:44: hier, ich mach's morgen, also zum Beispiel Praxiserweiterung, so, das sollte schon irgendwie bedacht werden.

00:23:50: Aber andererseits hat man auch ein Netzwerk mittlerweile auch mit Colosseum, wo wir uns intern austauschen. Mit manchen

00:23:57: Kollegen treffe ich mich auch mal freundschaftlich. Und da sind auch andere größere Praxen in Deutschland, auch in NRW,

00:24:04: die haben schon Wumms! Also, die wissen, was sie machen, und das ist sozusagen der Side-Effect, den ich nochmal mitnehme.

00:24:11: Ja, genau, ja, das war ja damals auch eine spannende Phase, und ...

00:24:18: So, dann: Du bist ja mit Leib und Seele Kinderzahnarzt? Als wir uns kennenlernten warst du schon dabei, das Curriculum gerade zu beenden.

00:24:24: Was fasziniert dich an der Kinderzahnheilkunde? Die Kinderzahnheilkunde, das ist einer von den wenigen Momenten in der Zahlmedizin, wo du ein weißes Blatt Papier hast, und du entscheidest selber, was draufkommt.

00:24:35: Zusammen mit dem Kind. Weil du triffst diese Menschen zum ersten Mal in deren Leben, in einer absolut neuen Situation

00:24:42: und man hat die Möglichkeit, in der Kinderzahnmedizin, wenn man sie komplett ausschöpft ,bis zur Vollnarkose...

00:24:49: Ihr mach auch so viele Vollnarkosen glaube ich? Ja, wir haben fast 2.000 mittlerweile, ich habe selber knapp 1.000 gemacht. Und da sieht man,

00:24:58: wie man ein Kinderleben komplett verändern kann, innerhalb einer Stunde, von einem schmerzhaften Alltag,

00:25:06: vom Schaumgefühl, zum normalen Alltag. Und man weiß, dass Kinder ehrlich sind.

00:25:12: Also Grundschulkinder, Vorschulkinder sind ehrlich. Und wenn man schwarze Zähne hatte und dann hat man weiße Zähne, dann ist es einfach ein Gamechanger auch für diese Kinder.

00:25:22: Und ich muss auch sagen, es sind wenige Kinderzahnärzte, grundsätzlich in Deutschland, die sich trauen Unter- Sechsjährigen eine Vollnarkose zu setzen und zu behandeln.

00:25:31: Und das freut mich umso mehr, dass wir auch diesen Menschen helfen können. Und das ist auch so geblieben.

00:25:35: Also ich bin ab Tag eins, mit Leib und Seele ... Ja, du behandelst immer noch gerne und viele Kinder?

00:25:40: Gerne viele Kinder und wahnsinnig viele Vollnarkosen. Also mittlerweile mache ich vorwiegend die Vollnarkosen, weil da habe ich ja durch meine Erfahrung schon eine gewisse Expertise und

00:25:50: wir haben mittlerweile über 150 Kilometer Einzugsgebiet für die Angstpatienten und die Kinderpatienten, also für die Vollnarkose.

00:25:57: Und das regelmäßig. Das ist jetzt keine Ausnahme. Wir reden von einigen Patienten pro Woche.

00:26:02: Ja, damals als wir uns kennenlernten, warst du schon Lachgasexperte. Du hast sogar selber auch ausgebildet.

00:26:07: Machst du das immer noch? Ja, das mache ich immer noch. Also wer uns zuhört und denkt... Ich will da mal einen Lachgasexperten, wir wollen eine Ausbildung usw.

00:26:14: Darf bei ... Gerne. Und das ist auch natürlich eine nette Geschichte. Man muss nicht direkt immer dann, ne, die große Keule holen, also die volle Narkose.

00:26:23: Man kann auch mal kleine Eingriffe mit Lachgas machen. Macht immer noch Spaß!

00:26:27: Auch als Patient. Ja, du selber warst ja auch mal Kind und dann war das schon spannend, deine Historie.

00:26:33: Ich hatte die etwas anders im Kopf, aber wir haben gerade noch einmal gesprochen, also allein mit 18 Jahren und zwei Koffern...

00:26:40: Es gab ein Stipendium ... Genau, also ich bin geboren in Bulgarien, da aufgewachsen, Einzelkind und bis 2005 bin ich aufs Gymnasium gegangen.

00:26:50: Das war ein Fremdsprachengymnasium und ich habe mit 13 angefangen Deutsch zu lernen.

00:26:55: Und damals war es schon sehr, sehr spannend. Weil Deutsch eine ganz andere Aussprache hat als Bulgarisch und das war wahnsinnig schwierig für mich, dass ich

00:27:04: diese deutsche... also, dass man normal Deutsch spricht und nicht wie ein Traktor aus Osteuropa hier hinkommt.

00:27:11: Und das war sehr, sehr schwierig für mich. Ich war schon fleißig in der Schule, so, das ging ja nicht anders.

00:27:17: Dem Motto meiner Eltern treu geblieben, lerne, damit du nicht arbeitest. Da habe ich noch daran geglaubt.

00:27:23: Und 2004 habe ich ein Stipendium gewonnen, da war ich bester Schüler Bulgariens im Bereich "Deutsche Sprache und Kultur" und das hat mir einfach die Bewerbung ermöglicht, 2005

00:27:33: über den Deutschen Akademischen Austauschdienst ein Stipendium zu bekommen.

00:27:37: Für das gesamte Studium. Das war ein ganz neues Stipendium. Also meine Pläne waren, erst mal eine Kochausbildung zu machen.

00:27:44: Ja, warum Koch? Aus zwei Gründen: Also man kriegt Geld und hat nie Hunger. Und ich hatte als kleines Kind nicht so viel in den Neunzigern zu essen.

00:27:56: Es waren einfach schwierige Zeiten damals und ich habe mir geschworen, ich möchte nie wieder Hunger haben in meinem Leben.

00:28:03: Und das war ... Ich koche nach wie vor leidenschaftlich, ich koche jeden Abend für meine Familie. Ich hab drei Kinder mittlerweile und ich lasse mir das nicht nehmen.

00:28:09: Das ist mir so geblieben und solange ich das machen kann, mache ich das... Und da kam das Stipendium,

00:28:13: deswegen habe ich gesagt, das mit dem Koch lassen wir weg und dann machen wir direkt die Zahnmedizin.

00:28:18: Ja... Und ich hab in Münster damals 2005 angefangen zu studieren, nach einer 42-stündigen Fahrt mit dem Bus zum Bremer Platz Münster, 2 Uhr nachts.

00:28:30: Also für die, die den Bremer Platz nicht in Münster kennen: Das ist ein Ort, da möchte man nicht alleine spazieren gehen

00:28:35: um 2 Uhr nachts. Direkt hinterm Bahnhof. Also das war schon... Da hatte ich schon ein bisschen Gänsehaut ...

00:28:43: Da hat der Bus dich ausgespuckt und dann wusstest du, meine neue Heimat, mein Studienort?

00:28:47: Ja, und da habe ich am anderen Ende der Stadt gelebt und ich hab da direkt in der Nacht, ich hatte damals die

00:28:53: Schlüssel für die Wohnung, es war ein Kollege, der mich da unterstützt hat und dann die Wohnung für mich organisiert,

00:28:59: und der wusste nichts vom Stipendium und hat gesagt, "ich nehme das billigste für dich." Das war ein Studentenwohnheim, neun Quadratmeter für 170 Euro warm.

00:29:09: Und da war alles dabei. Und dass war aber auch ein Studentenwohnheim irgendwie aus der Mitte der Siebziger.

00:29:14: Und ich war mitten der Nacht da alleine. Also, ich kann mich an die Nacht erinnern, ich war nicht ganz happy.

00:29:22: Ja, du bist ja der Mann der Tat und ich habe auch noch so was mit Jobben bei Burger King im Ohr?

00:29:27: Ja, als ich 2005 nach Deutschland gekommen bin, hab' ich gedacht, McDonald's und Burger King sind ganz tolle Restaurants, und das war für mich

00:29:35: immer ein Highlight bei McDonald's in Sofia zu essen, weil damals in Bulgarien gab es vier oder fünf Restaurants im ganzen Land ... Und da,

00:29:43: wo ich gewohnt habe, war ich acht Minuten von Burger King entfernt und ich habe mich da beworben, weil ich unbedingt diese Burger essen wollte...

00:29:51: Ich wollte auch Geld verdienen. Also ich hab da am Freitag unter am Samstag regelmäßig die Nachtschicht gemacht ... Wie hoch war dein Stundenlohn?

00:29:57: 6,38 € die Stunde, für die Nachtschicht. Plus 10 Prozent Aufschlag ab 22 Uhr und ...

00:30:04: Genau, da habe ich den Parkplatz bei Burger King und die Toiletten sauber gemacht, drei Jahre lang.

00:30:09: Meinst du, dass man mit dieser Historie das unternehmerische Gestalten anders angeht, als wenn jetzt zum

00:30:14: Beispiel beide Elternteile oder einer, oder die Großeltern manchmal auch schon etablierte Zahnärzte waren?

00:30:19: Definitiv. Was ist da der Unterschied? Der Unterschied ist, wenn die Eltern etablierte Zahnärzte waren... Man lernt in der Regeln nur die eine Seite kennen.

00:30:29: Die unternehmerische, wie gestalte ich das Unternehmen und hat schon mehrere Längen vor mir Vorsprung.

00:30:34: Da fehlt aber dieser Person diese Erfahrung, was es heißt, wenn die schwierige Zeit kommt, was kostet mich das, wieder aufzustehen?

00:30:42: Und kriege ich Angst, wenn es schwer wird? Also wenn die schlechten Zeiten für die Praxis sind und für die Mitarbeiter.

00:30:50: Das hat mir geholfen, auch wenn es schwierig war, zu sagen: Ich weiß woher ich komme und ich habe kein Angst vor dem Dreck und vorm Wenig-Haben.

00:30:58: Also nur, Novacura, ne, wenn wir ehrlich sind, das war ja schon auch mitunter ein Ritt auf Rasierklinge?

00:31:02: Absolut! Also schon, dass dir diese Erfahrung, ja... diese Biografie schon geholfen hat, auch da durchzukommen?

00:31:08: Absolut. Also ich hatte keine Angst, wieder wenig oder gar nichts zu haben.

00:31:13: Ich habe... Ich war entschlossen, entweder mach ich's oder ich mach's nicht. Und deswegen hab' ich alles gegeben.

00:31:21: Aber ich wäre auch nicht traurig, wenn ich gescheitert wäre mit dem Projekt.

00:31:25: Da muss man einfach nur aufstehen und weitermachen. Und ich kann mir auch kein anderes oder besseres Land vorstellen als Deutschland, wo man das machen kann.

00:31:33: Weil die Möglichkeit, die ich hier bekommen habe, in diesem Land, dass hätte ich niemals in Bulgarien bekommen.

00:31:38: In Bulgarien hätte keiner für mich da diese Summen investiert. Du meinst jetzt die Existenzgründung?

00:31:44: Die Existenzgründung zu diesem Zinssatz. Das wäre nicht möglich gewesen!

00:31:49: Ja, wir kommen langsam mal zum Ende unseres Podcasts und da habe ich jetzt schon auf jeden Fall noch einmal eine wirtschaftliche Frage:

00:31:54: Welches sind jetzt, 2026, deine drei wichtigsten Kennziffern für die Praxissteuerung?

00:32:01: Honorarstundensatz! Also das ist Dreh- und Angelpunkt.

00:32:05: Also definitiv, damit ist absolut alles gegeben und das kann man natürlich optimieren, indem man auch mal guckt, wie ist

00:32:13: HKP-Umsetzungsquote, vor allem bei sehr hochwertigen Arbeiten.

00:32:20: Und das andere ist die Anwesenheit der Mitarbeiter, gemessen an den möglichen Stunden – was in Wirklichkeit geleistet wird in der Praxis.

00:32:30: Also diese Anwesenheitsquote? Anwesenheitsquote, genau, das ist die bessere Bezeichnung in einem Wort. Die Anwesenheitsquote – weil wenn die Mitarbeiter da sind, ist die Auslastung da, und dann kann man aus dem Vollen schöpfen.

00:32:43: Das ist mit das Schwierigste Und das habt ihr jetzt optimiert, denke ich mal, so dass mit dem 40 Prozent Umsatzsteigerung, was du eben sagtest,

00:32:50: mit der kleineren Truppe ... richtig? Absolut! Das sind auch Bonusprogramme für die Mitarbeiter und das ist alles verknüpft in sich und es funktioniert jetzt besser denn je zuvor.

00:33:01: Hoffentlich bleiben alle gesund. Ja, wir kommen zu meinen letzten zwei Fragen, lieber Miro: Wie entspannst du dich?

00:33:08: Wie kommst du runter? Was verschafft dir Erholung? Kochen, Kochen. Du hast auch diese Außenküche, ne?

00:33:15: Ja, ja, also ich habe eine Outdoor-Küche und, ja okay, die ist überdacht, aber ich benutze sie fünf von sieben Tagen in der Woche.

00:33:23: Ich höre italienische Musik beim Kochen. Singst du dann auch mit? Ja, wenn meine Frau nicht zuhört, weil die unterbricht mich immer.

00:33:30: "Hör auf!" Ich gehe angeln und ich gehe Golf spielen. Das letzte ist neu,

00:33:39: ich war sogar gestern hier in Hiltrup auf dem Golfplatz. Guck mal, mit drei kleinen Kindern und großer Praxis Zeit zum Golf spielen?

00:33:45: Ja, das ermöglicht mir meine Frau. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

00:33:49: Also, sie ermöglicht mir sowieso alles, dass sich da überhaupt diese Praxis führen kann und sie mir den Rücken freihält.

00:33:55: Das ist ganz wichtig. Also Erfolg ist soweit möglich, wie man sich diesem widmen kann, weil wenn man die Zeit nicht hat und den Kopf nicht hat, kann man es eh vergessen.

00:34:04: Und das sind so ... Und Reisen, also ich verreise gerne mit meiner Familie und die Urlaube sind das... also die braucht man auch!

00:34:11: Ich bin auch kein Roboter, ich brauche meine sechs, sieben Stunden Schlaf und das ist sehr schön für mich, wenn ich mal ein bisschen Tapetenwechsel habe.

00:34:20: Münster ist schön, aber Mallorca ist auch schön.

00:34:25: Ja, letzte Frage für heute: Miro, welchen Tipp hast du,

00:34:30: an all die zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen, die es unternehmerisch so richtig krachen lassen wollen?

00:34:35: Da kannst du auch gerne einfließen lassen, was du vielleicht heute mit dem Wissen, das du jetzt hast, anders machen würdest als damals.

00:34:43: Ich sage allen, glaubt an euch! Seid mutig. Habt keiner Angst zu riskieren.

00:34:48: Wachstum kommt, indem man sich traut, etwas zu machen. Wachstum heißt aber nicht unbedingt, die größte Praxis haben.

00:34:55: Die Idee habe ich schon längst verworfen. Ich möchte nicht die größte, ich möchte die beste Praxis haben. Ich muss immer wieder an den Film 300 denken.

00:35:02: Also die Spartiaten gegen Xerxes, gegen die Perser.

00:35:08: Und da gibt es eine Szene, wo die Spartiaten auf eine andere griechische Armee treffen und die hat 30.000, 40.000 Soldaten.

00:35:19: Und dann fragt der Anführer der Spartiaten, "Was ist euer Beruf?" Ja, "Töpfer, Schmied ..." Und die Antwort der Spartiaten, googelt mal bitte selber, wie die antworten.

00:35:28: Das will ich jetzt nicht nachmachen, sonst wird es laut im Studio. Das ist einmalig.

00:35:32: Und das sind die 300, die ich haben möchte, und die ich euch allen wünsche. Habt die richtigen Mitarbeiter,

00:35:38: aber dafür müsst ihr kämpfen. Jeden Tag aufstehen und auch mit den Mitarbeitern, an den Leuten arbeiten, weil das sind die Leute,

00:35:45: die euch den Rücken frei halten werden, wenn ihr im Urlaub seid, wenn der Notfall in der Familie ist. Und die werden euch nachts

00:35:52: den Frieden geben für den ruhigen Schlaf und auch die Zahlen, wo ihr sagt, BAM! Schwarz auf Weiß, das sieht richtig geil aus.

00:35:59: Und ich kann dir sagen, ich schlafe jetzt, seit gewisser Zeit, seit mehreren Monaten, am entspanntesten, obwohl ich drei Kinder habe und das eine ist sehr klein...

00:36:07: Wo ich die meisten Patienten in der Praxis habe, 160 Patienten an den Spitzentagen, verschiedene Patienten, mit weniger Zahnärzten als vor drei Jahren.

00:36:18: Da hatten wir 120 mit 10 Zahnärzten, jetzt haben wir 160 mit 7 Zahnärzten. Und wir haben so hochwertige Arbeiten wie nie zuvor umgesetzt. Wie nie zuvor.

00:36:27: Und die Stimmung ist entspannt. Super! Keiner ist hektisch, die Leute sind ruhig und die halten mir den Rücken frei.

00:36:34: Prima, ja vielen Dank für diese Ausführungen. Ich möchte noch einen Satz ... von Maja Göpel,

00:36:39: glaube ich, war das: "Mit jedem Schritt nach vorne verbreitert sich der Blick auf das Mögliche." Auch schön, oder?

00:36:45: Ja, das ist auch die Erfahrung, die man macht. Lieber Miro, herzlichen Dank für deine tiefen Einblicke und dass wir dich hier so persönlich kennenlernen durften.

00:36:54: Danke, dass du mal wieder bei uns warst im Haus Sentmaring in Münster. Alles Liebe für dich, alles Gute und sicherlich bis bald!

00:37:01: Vielen herzlichen Dank, ganz meinerseits, und ich freue mich, wenn wir die nächsten Projekte zusammen wieder angehen.

00:37:06: Ja, vielen Dank auch an alle, die uns zugehört haben, wir hoffen das ihr einiges für euch mitnehmen konntet und freuen uns auf bald. Tschüss.

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